Woher kommt plötzlich diese Taubheit?

Liebe MS, falls du es bist, dich hat hier niemand vermisst.

Was, wenn während des Sabbaticals dein Körper nicht so will, wie du es gerne hättest? Wenn in einer Zeit, die eigentlich für deine Gesundheit und deine Heilung gedacht ist, alles aus dem Ruder läuft. Wenn es Anzeichen eines MS-Schubs gibt. Was dann? Verdrängung oder der Realität ins Auge schauen?

Es begann Ende September. Es war regnerisch und stürmisch und wir machten es uns in unserem Van „Hugo“ schön gemütlich. Netflix, Tee, lecker Essen. Das war gar kein Problem für ein paar Tage. Doch ich merkte bereits währenddessen, dass sich mein Rücken stark verspannte. Das mir der Sport fehlte und das lange Liegen wirklich nichts für mich war. Ich bekam durch die ganze wetterbedingte Faulenzerei also eine heftige Verspannung im linken, oberen Rücken. Und ich meine mich zu erinnern, dass genau zu der Zeit auch meine Taubheit im Arm begann. Er fühlte sich an, als würde er nicht mehr wirklich zu mir gehören. Ein pelziges Gefühl machte sich breit und fühlte sich wirklich ganz schön unangenehm an.

Die Verspannung legte sich nach ein paar Tagen. Ich konnte mich wieder mehr bewegen und die gelegentlichen Massagen halfen der Genesung.

Doch das pelzige Gefühl und die Taubheit blieben. Und sind auch immer noch da. Ich wusste, dass irgendwas in meinem Arm nicht okay war. Während der Verspannung hatte ich einen Anhaltspunkt, wieso dieses Gefühl plötzlich aufgetreten war. Doch als die Verspannung wirklich schon einige Tage, sogar mehr als 1,5 Wochen zurück lag sollte es doch besser werden, oder? Oder kam diese Taubheit etwa überhaupt nicht vom Rücken, sonder war ein Anzeichen meiner MS?

Diese Gedanken spukten mir immer wieder im Kopf herum. Doch irgendwie gelang es mir ganz gut, die Missempfindungen in meinem Arm zu verdrängen. Oder besser gesagt, ihnen die meiste Zeit keine große Aufmerksamkeit zu schenken. Aber es überkam mich. Als ich so am Strand saß und den Jungs beim Surfen zusah, weil die Wellen zu groß für mich waren, strich ich über meinen Arm. Und in dem Moment wurde mir schlagartig bewusst, dass hier etwas immer noch nicht stimmte. Das ich das Gefühl nicht weiter verdrängen konnte.

Gut, das tat ich bereits seit zwei Wochen aber es konnte so nicht weiter gehen. Gedanken machten sich in meinem Kopf breit, die mich sehr unter Druck und Stress setzten. Ich merkte, wie es mir minütlich schlechter ging. Ich war in meinem Gedankenkarussell gefangen. Was, wenn es wirklich von der MS kommt? Und wenn ja, wieso? War es wirklich ein Nachbote der vergangenen Wochen, in denen es viele emotionale Höhen und Tiefen für mich gab? In denen ich merkte, dass mein Körper ab und an noch streikte und mich so in meine Schranken wies. Müsste ich wirklich einen Arzt oder ein Krankenhaus aufsuchen, um ein MRT zu machen? Und dann am Ende Kortison einnehmen zu müssen? Das alles machte mir eine Heidenangst und ich wollte es einfach nicht. Ich will nicht erneut – nie wieder – Kortison einnehmen, das habe ich mir geschworen.

Die richtigen Personen um Rat fragen

Ich beschloss Marc zu kontaktieren und ihm meine Sensibilitätsstörungen und Ängste zu schildern. Er antworte sofort und bereits seine Stimme zu hören beruhigte mich direkt. Ich merkte, dass er sich wiedermal so viel Zeit für meine Bedürfnisse nahm. Dass er meine Wort in der Nachricht an ihn detailliert studierte, um nichts wichtiges zu überhören und mögliche Zusammenhänge zu erkennen.

Er ist einfach diese Art Mensch, der auch in den schwierigen Lebenslagen die richtigen Worte findet. Er hat das große Talent sich in Menschen hineinzufühlen. Auch, wenn er selbst nie unter dieser Krankheit litt, weiß er irgendwie genau wie es mir geht. Seine Empathie beruhigt ungemein und lässt einen wieder aufatmen. Er kann regelrecht meine Gedanken lesen. Was wohl den Grund haben mag, dass er bereits so viele MS-Patienten betreut hat und diese alle irgendwie ähnlich ticken. Egal wie unterschiedlich sie sind, irgendwie lassen sich Parallelen ausmachen. Er beschreibt „uns“ immer als sogenannte Kopfmenschen. Darüber hatte ich auch bereits in meinem früheren Blog-Artikel geschrieben. Wir hören weniger auf unseren Bauch und lassen uns oft von unserem Kopf leiten. Wir entscheiden selten einfach so spontan, ohne vorher alle möglichen Szenarien auszuloten. Unseren Gedanken können uns unser Leben oft sehr erschweren. Wir wollen es oft jedem Recht machen und vergessen uns selbst dabei. Wir setzen die Ansprüche an uns selbst so hoch an, dass es in manchen Lebenslagen einfach nicht möglich ist, diese zu erfüllen und daraus resultierend eben auch nicht glücklich zu sein. Oder besser gesagt, sich erfüllt zu fühlen und stolz auf sich selbst zu sein. Oft gibt es dann immer etwas, das wir selbst an uns bemängeln, anstatt zufrieden zu sein. Oft sind wir kleine Perfektionisten, denen es schwer fällt, die Kontrolle abzugeben. Und genau das müssen wir mit der MS aber lernen. Wir müssen in manchen Momenten akzeptieren, dass es ab und an nicht so geht, wie wir es gerne hätten. Das wir eben nicht mehr die volle Kontrolle über unser Befinden haben. Dass unser Körper uns oft die Konsequenzen unseres Handelns auf dem goldenen Teller serviert, was in dem Fall bedeutet: Pech gehabt, heute geht gar nichts mehr. Ruh dich gefälligst aus und schenke mir Beachtung, Liebe und Fürsorge! Hör auf, immer weiter zu powern und die Signale, die ich dir sende, zu übergehen!

Lag es etwa doch an der blockierten Durchblutung?

Ich hörte mir also Marcs lange Nachricht an und merkte, wie ich mich entspannte. Er schilderte mir, dass er einen Schub zwar nicht ausschließen könne, er aber nicht davon ausgeht, dass meine Probleme auf die MS zurückzuführen seien. Er erklärte mir, dass eine so starke Verspannung wie ich sie hatte, die Blutgefäße einengen könne und somit auch die Durchblutung gestört sei. Auch, wenn die eigentliche, merkbare Verspannung der Muskeln im Rücken nicht mehr oder nicht mehr stark zu spüren sei, so könnte es immer noch sein, dass die Blockade in der Blutbahn noch da ist. Das Blut kann also eventuell noch nicht richtig in den Arm fließen, was zu Taubheit, Kribbeln und einem pelzigen Gefühl führen kann.

Diese Aussage beruhigte mich enorm. Es gab also wirklich noch eine realistische Annahme, dass es von der Verspannung kommen könnte.

Er konnte natürlich keine genaue Diagnose stellen und schlug mir ein paar Optionen vor, für die ich dankbar war. Wäre ich in Deutschland gewesen, wäre ich natürlich direkt zu ihm oder einem, in der Nähe liegenden Liebscher & Bracht Arzt gegangen, um das genauer unter die Lupe nehmen zu lassen. Diese gab es hier in Frankreich leider nicht. Der Vorschlag, zu einem hier ansäßigen Chiropraktiker zu gehen, falls mich die Panik doch wieder überkommt, werde ich wohl nur im äußersten Notfall angehen. Ich habe einfach zu viel Erfahrungen mit schlechten Ärzten gemacht und bin, wenn es darum geht, zu jemand „Neuem“ zu gehen, sehr vorsichtig. So ein „mit Hoffnung gefüllter“ Besuch kann nämlich auch ganz schnell in einem Desaster enden und mich traurig und enttäuscht nach Hause gehen lassen. Außerdem bot er an, via Facetime Kersten ein paar Punkte zu zeigen, die er drücken sollte, um die eventuellen Blockaden zu lösen.

Erleichtert ging ich an diesem Abend zu Bett. Wie glücklich kann ich mich schätzen, jemanden zu haben, der wirklich zu jeder Zeit ein offenes Ohr für mich hat. Und zum Glück hatte ich mich bei ihm gemeldet! Sonst ging es mir jetzt sicher immer noch nicht gut.

Das Mindset und die eigenen Gedanken sind die größten Schlüssel zur Heilung – doch leichter gesagt als getan!

Ich ließ seine Worte sacken und schlief in der Nacht gelassener ein als die Tage zuvor. Am Morgen waren meine ersten Gedanken entspannt und nicht direkt bei meinen Missempfindungen im Arm. Im Laufe des Tages spürte ich, dass meine Hand enorm besser geworden war und sich auch der Unterarm viel weniger pelzig anfühlte. Es war wie ein kleiner Zauber. Ich spürte so sehr, wie mein positiveres Mindset und meine Gedanken der Heilung zugute kamen. Ich glaube ja ohnehin sehr stark daran, dass die mentale Gesundheit ausschlaggebend für die körperliche Gesundheit ist. Das Körper und Geist im Einklang sein müssen und das das bei mir sehr oft nicht der Fall ist. Dass ich lernen muss, zu meiner Mitte zu finden. Mich in schwierigen Situationen nicht aus der Fassung bringen zu lassen. Mich nicht nur von meinen Gedanken leiten zu lassen, sondern auch mal öfter auf meinen Bauch zu hören. Mich nicht selbst in meinem Gedankenkarussel zu verlieren. Spontan, frei und ohne Furcht zu entscheiden. Mir immer wieder der guten Dinge bewusst zu werden und nicht dem Schlechten oder den Schmerzen die Oberhand gönnen darf.

Weiteres Kribbeln kam hinzu

Zwei Tage später wachte ich auf und spürte ein starkes Kribbeln in der linken Hand und in dem linken Fuß. Es fühlte sich an wie tausend feiernde Ameisen, die meine Hand und meinen Fuß als Tanzfläche nutzten. Wahrscheinlich hatten sich in der Nacht, beim Liegen meine Muskeln und Nerven erneut mehr verspannt und lösten nun dieses Gefühl aus. Aber es waren eben auch ganz typische MS-Symptome…

Nachdem mich erneut Panik einholte, beschloss ich in San Sebastián einen Osteopathen aufzusuchen. Dieser massierte mich 1,5 Stunden lang an den kritischen Stellen, bearbeitete meine Faszien und gab sein Bestes, mich ganzheitlich wieder in Einklang zu bringen. Ich spürte bei vielen Punkten, wie regelrechte Stromstöße durch meinen Körper und besonders in die linke Hand und in den linken Fuß gingen. Genau diese Stromstöße, die von den Nerven ausgehen, spürte ich ebenfalls bei einigen Yoga Übungen und den Dehnübungen von Liebscher und Bracht. Besonders gut half mir die Dehnung für den Atlas Wirbel. Ich habe euch den Link zum Video hier verlinkt. Auch der Osteopath – welcher kein Stückchen englisch sprach und wir uns auf halb spanisch, halb baskisch, halb „was auch immer“ verständigten, was wirklich sehr lustig war – war der Meinung, dass ich einfach viel zu sehr verspannt sei und man diese Blockaden mit weiteren Dehnungen und Massagen lösen müsste. Das ginge leider nicht von heute auf morgen. Hier wäre meine Mitarbeit erforderlich.

Diese Aussage und die Stromstöße bestärkten mich also erneut in der Annahme, dass es nicht von der MS kommt. Ein MS Schub ist nämlich gleichbleibend und man spürt keine Verschlechterung oder gar Verbesserung. Es bleibt in allen Momenten gleich. Und das war bei mir definitiv nicht der Fall. Aber sobald ich eben meine Problematik mit der Taubheit und dem Kribbeln etc. erneut googelte, stoß ich einfach sofort auf MS Seiten und typische Anzeichen für einen Schub. Ist doch logisch, dass einen das immer wieder nachdenklich stimmen lässt, oder? Und ich denke, man kann verstehen, dass die Angst, dass diese Missempfindungen – aus welchem Grund auch immer – von der Multiple Sklerose kommen, ab und an wieder im Kopf auftauchen und sie erst abklingen werden, wenn diese Empfindungen auch verschwunden sind.

Und so heißt es aktuell Tag für Tag: Morgens nicht direkt Panik bekommen, wenn ich spüre, dass das Kribbeln noch da ist. Täglich brav die Dehnungen und das Yoga machen, was mir gut tut. Keine negativen Gedanken hineinlassen, sondern sich an dem Positiven hochziehen. Den Glauben daran nicht verlieren, dass es bald weggehen wird und ich meinen Arm, meine Hand und meinen Fuß wieder ganz normal spüren und einsetzen kann. Dass ich dann endlich wieder morgens aufwachen kann, ohne zuerst zu checken, was denn heute mal wieder schmerzt oder sich merkwürdig anfühlt. Der Tag wird definitiv kommen. Er kam immer.

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