La Palue – der erste Surfspot auf unserer Reise

Und wie es sich mit einem Haarteil surfen lässt

Wir starteten unseren Surf-Trip im äußersten Westen der Bretagne auf einer kleinen Halbinsel namens „Crozon“. An der nördlichen Spitze der französischen Atlantikküste liegt der Surfspot „La Palue“, umgeben von dem Naturpark „Parc Naturel Régional d’Amorique“.

Nach einer langen Fahrt über die zugegeben etwas tristen und aufgrund der Maut, verdammt teuren (!) Autobahnen, war es eine willkommene Abwechslung, durch die kleinen Dörfer der Halbinsel zu fahren und mal wieder etwas bestaunen zu können. Endlich sahen wir den Atlantik! Wir hatten es geschafft! Hugo hatte uns tapfer den langen Weg hier her gebracht und wird uns hoffentlich auch noch viele weitere Kilometer Richtung Süden bringen.

Die kleinen, gemauerten, urigen Granithäuser ringsum schienen wirklich uralt zu sein. Manche von ihnen hatten strahlend blaue Tür- und Fensterrahmen und versetzten einen ein bisschen zurück ins Auenland. Die Dörfer strahlten so viel Ruhe und Geschichte aus. Wie sie einfach so da lagen, wie ein Fels in der Brandung und ihnen der Wind der Küste über die Jahre hin nichts anhaben konnte.

Unser Navi führte uns ans Ende eines solchen Dorfes, wo wir einen Parkplatz für die Nacht ausfindig gemacht hatten. Auf der Karte sahen wir, dass weiter vorne noch ein Parkplatz war. Wir beobachteten auch, dass andere Autos und Camper, den eigentlich verbotenen Weg hinab fuhren. Die Neugier packte uns und wir taten es ihnen gleich. Schließlich wollten wir doch einen tollen Blick auf die Wellen haben! Wir fuhren also hinab und sahen, dass sich dort einige Camper aus verschiedenen Ländern breit gemacht hatten. Wir fragten rum und man sagte uns, dass es hier noch nie wirklich Probleme gab. Die erste Nacht verbrachten wir dennoch auf dem oberen Parkplatz, ehe wir es am nächsten Tag wagten. Wir sahen, dass es vorgelagert in den Bäumen und Büschen auch kleine Buchten gab und entschließen uns, in einer dieser zu campen. Umgeben von wilden Heidelbeersträuchen und wuchernden Himbeeren konnten wir es uns richtig schön gemütlich machen. Die Markise ausfahren, Tisch und Stühle aufbauen. Wir hatten es ganz ungestört für uns alleine und nicht weit zum Strand. Perfecto.

Optimale Beginner-Wellen

Die Wellen waren optimal um wieder in den Surfsport einzutauchen. Nicht zu groß um von ihnen überrollt zu werden, aber auch nicht zu klein, um kaum auf ihnen stehen zu können. Ein kleiner Swell, der auf die Küste traf und uns eine Menge Spaß brachte. Swell bezeichnet die Dünung. Also die Wellen, die nicht durch den Wind, sondern durch den auslaufenden Seegang entstehen. Wenn also ein großer Sturm auf dem Meer tobte, erreicht ein großer Swell und somit auch große Wellen die Küste. Das ist der Moment, in dem die Augen erfahrener Surfern funkeln. Ich hingegen bin mit einem moderaten Swell auch schon sehr zufrieden, denn so spürt man das Meer nicht ganz so hart und rau. Und muss dementsprechend etwas weniger kämpfen.

Faszinierend ist an diesem Ort der große Höhenunterschied zwischen Ebbe und Flut. Dieser beträgt ganze 6 Meter. Was am Strand deutlich zu spüren ist. Bei Ebbe ist der Sandstrand etwa 300 Meter breit und vereint sich mit dem Plage de Lostmarc’h zu einem mehr als 2 Kilometer langen Küstenabschnitt. Bei Flut ist von diesem Sandstrand kaum etwas zu sehen.

Eine weitere Frage quälte mich

Ein weiterer Gedanke belastete mich. Er spukte mir bereits seit Monaten im Kopf herum: Was wird in den Wellen nur aus meinen Haaren? Aktuell sitzen sie fest und ich fühle mich wohl, doch werden sie der Kraft des Meeres standhalten? Muss ich mich am Ende dazu entscheiden, mir eine Glatze zu rasieren, nur damit ich diesen Sport ohne Angst um meine Haare ausüben kann? Diesen Gedanken hatte ich wirklich oft in letzter Zeit. Wenn es nicht hält, rasiere ich mir alles ab. Ich lasse mir von diesem Problem doch nicht den ganzen Spaß nehmen. Ich kann mir während des Sports, der draußen auf dem Wasser genug Aufmerksamkeit fordert und in dem ich mich in den nächsten Monaten weiterentwickeln möchte, doch nicht ständig Sorgen um meine Haare machen? Das konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Ich will doch frei sein und durch diese Krankheit nicht noch weiter eingeschränkt werden. Auch, wenn mir das Haarteil die Leichtigkeit wiedergebracht hat und ich mich wohlfühle, so kann das beim Surfen ganz anders aussehen. Und es eventuell zu einem weiteren Hindernis machen?

Also fragte ich mich ständig: Wie wird es bloß werden? Wie soll das all die Monate werden? Und so behielt ich meinen Plan B „Alles ab“ im Hinterkopf, freundete mich langsam damit an. Ich hatte in manchen Momenten tatsächlich das Gefühl, dass es die beste Lösung sei. So müsste man sich „um nichts mehr kümmern“ und ich wäre das Problem los. (Was so natürlich auch irgendwie nicht stimmte..) Und die Leute um mich herum würden sich schon an den Anblick einer Glatze gewöhnen. Beziehungsweise gewöhnen müssen. Denn schlussendlich ist es mein Leben. Und wenn ich denke, dass es mir in dem Moment gut tut und es das Beste für mich ist, dann ist es meine Entscheidung. Aber wer kann schon behaupten, dass das was die Leute so denken und sagen, einem völlig gleich ist?

Stressfaktor Haare

Mir wird ständig dazu geraten, mich nicht immer so unter Druck zu setzen, mich nicht so zu stressen und meinem Körper zu geben, was er braucht. Und das letzte was ich aktuell gebrauchen kann, ist ein weiterer Punkt, der mir allein bei dem Gedanken an einen Sport – der mir doch Spaß machen sollte – stressige Gedanken und Ängste macht.

Kersten versuchte mich etliche Male zu beruhigen und davon zu überzeugen, dass ein Surf-Hut ausreichen würde, um die Haare zu schützen und das ich mich nicht verrückt machen solle. Aber ich hatte so einen Hut noch nie auf und wusste nicht, ob es wirklich klappen würde. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass es halten wird. Er wusste schließlich auch nicht, wie es sich mit solch einem Tritec-Haarteil auf dem Kopf lebte und ob man sich unsicher fühlte oder nicht. Meine schlechten Gedanken zu verbannen funktionierte einfach nicht, so sehr ich es auch wollte.

Ich hatte einfach so große Angst, dass meine aktuelle „Haar-Situation“ bald zerstört werden würde und alles nicht so klappen würde, wie ich mir das vorstellte.

Gedanken vs. Körper

Wir fuhren an einen anderen Strand. Und wie wir so die Wellen zu beobachteten, hätte ich am liebsten meinen neuen Wetsuit geschnappt, mein Board gewachst, wäre den Strand entlang gerannt und in das kühle Nass gesprungen. Denn die Sonne schien, der Wind vom Vortag schwächte immer mehr ab und die Bedingungen der Wellen waren optimal für mich. Ich habe mich so danach gesehnt.

Aber natürlich spielte mein Körper mal wieder nicht mit: Kopf- und Unterleibschmerzen, kribbelige Gefühle, die an dem Tag immer mal wieder auftraten und extreme Müdigkeit. Die sogenannte Fatigue kickte ziemlich rein und es fühlte sich an, als wäre ich ein träger, nasser Sandsack. Die Anzeichen der letzten Wochen, dass das alles etwas zu viel für mich war, zeigten sich heute in ihrer vollsten Pracht. Wäre ich alleine Zuhause gewesen, so hätte mich an dem Tag wahrscheinlich nur schwer etwas aus meinem Bett geholt.

Aber hier war es eben etwas anderes. Wir waren zu zweit unterwegs und wollten die Gegend erkunden, den Trip einfach in jedem Moment auskosten. An diesem Tag fuhren wir also ständig mit dem Roller durch die Gegend. Jeder Hubbel – und davon gab es leider einige – war eine Qual für meinen Kopf. Ich hatte einfach ständig Schmerzen. Nicht nur im Kopf sondern am gesamten Körper. Wahrscheinlich kommt das dem ein oder anderen MS-Patienten bekannt vor: Ein von oben bis unten schmerzender Körper. Einen Schmerz, den man aber irgendwie schwer beschreiben kann.
Ich fühlte mich einfach nicht gut und gleichzeitig war ich so wütend auf mich, dass ich die Euphorie nicht teilen konnte, sondern litt. Obwohl wir doch an so einem tollen Ort waren. Das letzte was ich wollte, war ständig zu jammern, geschweige denn Kersten die ganze Freude zu nehmen oder den Moment mit meinen Problemen kaputt machen. Natürlich ist mir bewusst, dass das das Letzte ist, was er gebrauchen kann. Ich sollte lernen zu akzeptieren, wenn mal etwas nicht so geht, wie ich es gerne hätte. Es wird auch wieder andere Momente geben, dass weiß ich tief in mir drin. Die Theorie ist mir ganz klar, aber in der Praxis tue ich mich damit noch ganz schön schwer. Vielleicht irgendwann.

Pausen gönnen und Energie tanken

Kersten reagierte keineswegs mit einem Vorwurf, sondern schlug vor, zurück zu fahren, uns an den Strand zu legen und erstmal auszuruhen. So konnte ich etwas neue Energie tanken und die Kopfschmerzen besserten sich. Der Tag würde nicht zu meinen „Top 10“ zählen, das war klar, denn das bleierne Gefühl in mir hielt noch den ganzen Tag an, aber dennoch hatte ich für die nächsten Stunden wieder mehr Kräfte.

Wir zogen also nochmal los und kauften in einem Surf-Shop zuerst ein robustes Wasserstirnband. Direkt beim Anziehen merkte ich, wie fest es sitzt und hatte ein gutes Gefühl. Kersten nähte mir dann noch einen Klettverschluss an das Band, um einen noch besseren Halt zu gewinnen. Ich sah meiner Meinung nach ein wenig bescheuert aus, doch das störte mich in dem Moment nicht.

Die erste Surf-Session mit Haarteil

Die Sonne schien auch an dem nächsten Tag, die Wellen waren optimal und wir paddelten ins Line-Up. Die ein oder andere Welle zwang uns zu einem Duck-Dive, bei dem man mit dem Kopf zuerst zusammen mit seinem Board durch die Welle taucht. Ich merkte direkt, dass ich einen guten Halt hatte und nichts verrutschte. Puh!
Die erste Welle kam, ich paddelte an, spürte wie die Welle mich schob und sprang auf mein Board. Ich fuhr die Welle hoch und runter bis zum Strand. In dem Moment war ich wohl der glücklichste Mensch. Die ganze Session hielt das Band super gut und ich konnte kaum glauben, dass es mir also gegönnt war, Wellen zu reiten ohne mir lächerliche Sorgen um mein Haarteil zu machen.

Meine Ängste waren so gut wie unbegründet

Ein paar Tage später kaufte ich mir einen schönen Ripcurl Surfhut. Mit dem sah ich dann auch nicht mehr ganz so peinlich aus und der mich zusätzlich vor der Sonne und dem Wind schützte. Zum einen bekam ich so keinen Sonnenstich und zum anderen konnte ich bei tiefstehender Sonne wesentlich besser sehen, ob am Horizont eine Welle auf mich zukam oder nicht.


Sogar die Haare wurden im Vergleich zu früher viel weniger verwuschelt und verknotet. Da auch viele andere Surfer einen Hut trugen, fühlte ich mich einfach normal und fiel überhaupt nicht auf. Mehr wollte ich nicht. Einfach sicher ins Wasser gehen, Spaß haben und sich irgendwie „normal“ fühlen. Ich war einfach nur dankbar, dass sich diese große Gedankenautobahn in meinem Kopf in Luft auflöste. Es nahm mir wirklich einige meiner Sorgen.

An diesem Abend kochten wir uns eine stärkende, leckere Mahlzeit. Wir machten es uns in der kleinen Bucht, mitten in der Natur gemütlich und ließen den Tag mit Karten spielen ausklingen.

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