Kreisrunder Haarausfall – Vom Lockenkopf zum gerupften Hühnchen

Wie die Alopecia Areata meine Locken verschwinden lies

Alles begann im September 2018 – Der Begriff “Alopecia Areata” war mir damals noch fremd. Eventuell ist er heute aufgrund von Will Smith‘ Ohrfeige gegen Chris Rock bei den Oscars mehr Leuten bekannt.

Ich entdeckte an meinem Hinterkopf zwei kleine runde, kahle Stellen. Anfangs dachte ich mir nichts weiter dabei und hielt es auch nicht für dramatisch, da ich SO enorm viele Haare auf meinem Kopf hatte und ein paar weniger mich nicht störten. Ich scherzte sogar noch “ist ja gar nicht mal so schlecht, dann muss ich im Sommer nicht so viel schwitzen und es fühlt sich viel leichter an.”

Ich beschwerte mich generell relativ häufig über meine Haare. Es war einfach viel und schwer. Oft bekam ich von ihnen Kopfschmerzen, wenn ich zu lange einen Zopf trug. Sie hingen mir ständig im Gesicht und überhaupt mag man ja immer das haben, was man selbst nicht hat. In meinem Fall: Glatte Haare. Zumindest eine Zeit lang.. aber ich bekam sehr häufig liebe Komplimente für meine Locken und freute mich irgendwann selbst auch darüber.

Allerdings kann ich jetzt –  mit Blick auf alte Fotos sagen, dass ich mich selbst immer anders wahrgenommen und meine Haare niemals so schön empfunden habe, wie heute.

Was würde ich dafür tun, endlich wieder diese Lockenpracht auf meinem Kopf zu tragen. Endlich wieder Haare, die im Wind wehen und mir auch gerne mal auf die Nerven gehen dürfen!

Aber zurück zu der Geschichte, wie ich diese verloren habe:

Aus den zwei kleinen runden Stellen wurden immer mehr. Neben den Stellen am Nacken und Hinterkopf kamen auch weitere hinter meinen Ohren und am Oberkopf hinzu.

Meine Hausärztin diagnostizierte ein kreisrunden Haarausfall ( “Alopecia areata”) und rat mir, zum Dermatologen zu gehen. Dort wurden mir dann Kortisonspritzen, genauer gesagt “Glukokortikoide” in diese Stellen injiziert. Sie hemmen entzündliche Vorgänge und die Vermehrung von (Entzündungs-)Zellen und schwächen Immunreaktionen des Körpers ab.

Die Substanz und das Durchführen der Injektion wird nicht von der Krankenkasse übernommen und musste somit immer von mir selbst gezahlt werden. Aber immerhin zeigten sie ihre Wirkung! Positiv als auch negativ… Nach gut 1,5-2 Wochen wuchs stetig neuer Flaum an den bis dato kahlen Stellen.

Aber auch meine Kopfhaut veränderte sich. An manchen Stellen war sie total eingedellt und empfindlich. Auch mein gesamtes Gesicht schwoll an und ich fühlte mich überhaupt nicht mehr wohl in meiner Haut. 

Die Spritzen waren keine Lösung mehr

Nach gut 1,5 Jahren dieser Therapie entschloss ich, mich nicht mehr spritzen zu lassen. Ich wollte abwarten, wie es weitergeht. Ob mein Körper es vielleicht doch von alleine schafft.

Wie schon in in meinem Artikel “Autoimmun­krankheiten – Die Geschichte meiner stetigen Begleiter” beschrieben, versuchte ich es dann mit Gerstengras. Später auch mit Meereskollagen. Beides leider ohne Erfolg. So gut wie alle Haare, die mir aufgrund der Spritzen nachwuchsen, fielen wieder aus. 

Also entschied ich mich nach einiger Zeit für eine Perücke. Allein der Besuch in dem Perückenladen war für mich anfangs eine Überwindung. Man sieht überall diese Perücken auf den Plastikpuppen und denkt sich “Wo bin ich hier gelandet?”. Hätte mir das vor Jahren jemand gesagt, hätte ich das sicher nicht geglaubt. Aber es ist nun mal so und vor einem Problem wegzurennen bringt einfach nichts. Auch, wenn ich mich in dem Laden nicht wirklich verstanden und leider auch nicht besonders gut beraten gefühlt habe, entschied ich mich aus Kostengründen für eine Kunsthaar-Perücke. Leider nicht in der Locken-Struktur wie es bei mir natürlicherweise der Fall ist, aber ich dachte mir “Besser als nichts”.

Kostenpunkte Kunsthaarperücke:

  • Perücke: 440€
  • Abzug Krankenkasse: 400€
  • Eigenanteil: 40€
  • Pflegeprodukte und Perückenständer: circa 50€

Die Echthaarperücken waren weitaus teurer – ich kann mich erinnern, dass man mir sagte, es würde bei 1000€ beginnen. Und das war mir zu der Zeit einfach zu teuer und nicht drin.

Leider fühlte ich mich aber während ich sie trug nie wie ich selbst. Es war immer merkwürdig, etwas Fremdes auf dem Kopf zu haben. Irgendwie saß sie auch nie so richtig fest und sicher, sodass ich es auch gar nicht ausblenden konnte. Ich hatte ständig das Gefühl, der Ansatz sitzt falsch oder andere Personen schauen mich aufgrund der künstlichen Haare noch mehr an als vorher. Da waren mir meine kahlen Stellen doch fast schon lieber. Weil das eben einfach ich war.. ohne „Fake“. Die Kunsthaare schimmerten im Sonnenlicht zudem auch immer so Plastik ähnlich, was mich sehr gestört hat.

Ich trug die Perücke also wirklich extrem selten und war nicht glücklich damit.

Mit der Zeit wurden die Stellen aber immer größer. Sodass ich heute sagen kann, dass mein kompletter Nacken, die seitlichen Stellen hinter den Ohren sowie Kreise auf meinem Oberkopf und im vorderen Scheitelbereich ausgefallen sind. Außerdem bemerkte ich vor ca. 4 Monaten, dass auch ein Teil meiner rechten Augenbrauen ausfiel. Ich dachte zuerst, ich hätte mich beim letzten Augenbrauenzupfen “verzupft” aber da es immer mehr wurde und auch die linke Augenbraue Stellen aufwies, wusste ich, womit ich es zutun habe.

Auch meine Arme waren plötzlich so merkwürdig weich, als hätte ich sie rasiert. Zuerst wollte ich nicht wahrhaben, dass diese Krankheit jetzt auch meinen ganzen Körper vereinnahmt und sich wahrscheinlich zu einer „Alopecia totalis“ entwickelt, aber es blieb mir nichts anderes übrig. Ich konnte die Haare ja nicht einfach zurück zaubern. Aber es macht mir auch jetzt noch ziemlich dolle Angst. Der Gedanke, dass es immer so weitergeht und einfach nicht mehr aufhört, bis ich nirgendwo mehr Haare besitze, lässt mich an manchen Tagen sehr traurig werden. Aber dann sage ich mir, dass dieses Geweine einfach nichts bringt und versuche mich wieder auf die positiven Erfolge zu konzentrieren und mir zu sagen, dass ich meinem Körper noch mehr Zeit geben muss. Das ich nicht so ungeduldig sein darf und Dinge schon gar nicht erzwingen kann.

Aber ich muss sagen, dass ich froh sein kann, so viele Locken gehabt zu haben. Diese haben die kahlen Stellen wirklich für eine lange Zeit kaschieren können und durch das generelle Volumen fiel es anfangs kaum auf. Aktuell kann ich das leider nicht mehr sagen..

Ich habe auch einfach gemerkt, wie mein Selbstbewusstsein an manchen Tagen und Momenten sehr darunter litt. Das passierte irgendwie schleichend. Ich habe mich nicht mehr “komplett” gefühlt. Es fehlte eben etwas.. Etwas, was bei den meisten Menschen einfach vollkommen normal ist.

Ich wollte mich endlich wieder normal fühlen.

Wenigstens in manchen Momenten. Auf Partys oder einfach mal beim Bummeln durch die Stadt. Ohne auf die kahlen Stellen angesprochen zu werden bzw. ohne, dass es oft einfach Gesprächsthema war. Ich weiß, dass das nie böse gemeint ist und ich kann auch gut und offen darüber reden, um einfach bekannt zu machen, dass es diese Krankheit öfter gibt als man denkt und viele Menschen darunter leiden. Sonst würde ich dieses Thema auch nicht auf diesem Blog behandeln. Aber trotzdem ist es doch ab und an mal schön über andere Dinge als Krankheiten und ausfallende Haare zu sprechen..

Ich recherchierte weiter. Suchte nach anderen Optionen außer einer Perücke und stieß dabei auf Tritec-Hair®.

Auf der Website wurde mit folgenden Argumenten speziell für den Kreisrunden Haarausfall geworben:

Es gibt verschiedene Methoden Echthaar zu befestigen, etwa Bonding (eine thermische Befestigung) oder Tapen (Festkleben). Aber bei kreisrundem Haarausfall sind die noch bestehenden Haare oft schon sehr strapaziert und deshalb sollten diese nicht weiter belastet werden. Bei Tritec-Hair® wird das Haar nicht verklebt oder verschweißt, sondern in kleine Löcher an einer Spezialfolie eingeknüpft. 

Ich vereinbarte also einen Termin im Salon in Hochheim am Main. Dort wurde ich dann direkt von Siggi Ebenhoch, dem Erfinder von Tritec in Empfang genommen.

Vom Besprechungstermin zur neuen Frisur innerhalb weniger Stunden

Mein Termin war um 17:45 Uhr und ich verlies gegen 23:00 Uhr den Salon. Allein diese Tatsache zeigt schon, wie viel Zeit Siggi sich bei seinen Kunden nimmt, damit jeder glücklich seinen Laden verlässt.

Eigentlich war ich nur zu einem Besprechungstermin gekommen, da ich wissen wollte, was sich hinter dieser Methode verbirgt. Wir verstanden uns auf anhieb sehr gut und ich merkte schnell – ähnlich wie damals bei Marc’s Sommerfest – , dass Siggi mir wirklich helfen wollte. Und wie es das Schicksal so wollte, zeigte er mir ein Haarteil, dass eine sehr ähnliche Struktur meiner Locken hatte. Der Farbton glich anfangs eher einem aschblond, weshalb er es mithilfe von Pigmenten veränderte, sodass es meine Haarfarbe zu 100 Prozent annahm.
Er befestigte es an meinem Oberkopf und ich kann kaum beschreiben was in diesem Moment in mir vor ging. Ich war wie ein neuer Mensch. Einfach befreit und glücklich. Ich griff mir ständig in die Haare und musste mich vor dem Spiegel drehen, da ich kaum begreifen konnte, wie unfassbar echt dieses Haarteil aussah. Ich bekam das breite Grinsen nicht mehr aus meinem Gesicht, sodass sogar meine Wangen anfingen zu schmerzen.

Vorher schaute ich in den Spiegel und konnte die Tränen einfach nicht stoppen. Es war furchtbar sich selbst so im Spiegel zu betrachten. Ich sah wirklich aus wie ein gerupftes Huhn.

Und jetzt: Man kann den Unterschied meiner eigenen Haare und dem Haarteil einfach nicht erkennen! Zwischen der Perücke und diesem Haarteil liegen Welten! Was selbstverständlich auch an der Qualität der Haare liegt: Die Perücke war Kunsthaar und dieses ist nun Echthaar mit Schuppenschicht.

Kosten, die sich für mich definitiv gelohnt haben

Das hat natürlich auch seinen Preis. Diese Echthaar-Perücke liegt bei 2.200€. In vielen Fällen übernimmt die Krankenkasse aber zum Glück einen großen Teil dieser Kosten. Ich bin bei der Techniker Krankenkasse versichert und diese übernahm bei mir einen Betrag von 1.093,34€. Hier muss man aber (zusätzlich zum Rezept, das immer benötigt wird) einen Nachweis liefern, dass man Kunsthaar nicht verträgt.
Falls ihr generell Fragen zur Finanzierung (oder etwas anderem) habt, schreibt gerne ein Kommentar oder mir einfach persönlich über das Kontaktformular.

Der psychische Druck fiel ab

Das ursächliche Problem wird damit natürlich nicht behoben, aber es lindert so sehr den seelischen und psychischen Schmerz, dem man ausgesetzt ist und ich bin einfach nur froh, dass ich auf diese Methode gestoßen bin und es diese Möglichkeit gibt.

Sonst war ich immer unsicher, sobald der Wind durch meine Haare ging, weil dieser die kahlen Stellen noch mehr zum Vorschein brachte.
Jedes Mal, wenn ich im Wasser war und auf meinem Surfboard saß, fühlte ich mich merkwürdig, weil die nassen (und zudem noch vom Wasser verstrubbelten) Haare nun mal wirklich nichts verdecken konnten und klar war, dass es jeder sah. Mit der Zeit lernt man aber diese Gedanken auszublenden – schließlich ist das Aussehen nicht das Wichtigste und ich wollte doch einfach nur Spaß haben – aber spätestens als ich anfing am Kopf zu frieren waren die Gedanken wieder da.
Selbst vor dem normalen Haarewaschen graute es mir, weil ich eben jedes Mal die Stellen fühlen und ansehen musste. Ob ich wollte oder nicht; eigentlich kamen mir bei jedem Mal duschen die Tränen. Die kullerten dann irgendwann einfach nur los und nach einer kurzen Zeit ist dann auch wieder gut.. Das Weinen bringt mir manchmal aber einfach eine Art „Erleichterung“ – wenn ich einfach mal die innere Traurigkeit zulasse und nicht versuche ständig dagegen anzukämpfen und stark zu sein.
Man kann es ja in dem Momenten sowieso nicht ändern. Aber mit genau dieser Machtlosigkeit habe ich den größten Kampf..

Im normalen Alltag kam ich aber generell besser damit klar als bei Partys oder Veranstaltungen. An denen will man sich natürlich hübsch machen. Aber wo nichts ist, kann schwer etwas gestylt werden. Und wenn man dann noch mit all den schönen Frauen ringsum und ihren tollen Haaren (bitte seid dankbar dafür!!) konfrontiert wird, macht es das einem nicht besonders leichter, seine eigene Krankheit zu akzeptieren.

Aber diese Gedanken können mir jetzt erstmal gestohlen bleiben! Das Haarteil sitzt so fest auf meinem Kopf, dass ich sogar headbangen könnte und mir bei keiner der oben genannten Punkte mehr den Kopf zerbrechen muss, wer, wie, wo gerade etwas von meinem Problem sieht. Außer bei den Augenbrauen, aber auch dafür wird sich eine Lösung finden 🙂

Ein großes Stück Normalität ist somit wieder zurück in mein Leben gekehrt. Und ich bin immernoch ganz fest davon überzeugt, dass irgendwann – wann immer das auch sein mag – alles gut werden wird und meine Haare wieder anfangen zu sprießen.

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