Ein neuer AbSCHNITT – Mein Entschluss zur Glatze

Alopecia, du kriegst mich nicht klein

Genug ist genug. Irgendwann kannst du nicht mehr. Wenn deine Haare ständig weiter ausfallen, du dir jeden Tag mehr Gedanken um deine Haare und um die aktuelle Situation machst, du zu viele Tränen vergießt und deine Freude am Leben schwindet, dann muss sich etwas ändern. Für mich war es der Schritt zur Glatze. Und womöglich die beste Entscheidung, die ich momentan für mich treffen konnte.

Seit Wochen plagen mich nicht nur mein tauber, kribbelnder rechter Arm und Fuß – nein, ich wache auch jeden Morgen auf und spüre eine weitere Last auf mir. Eine schwerer Rucksack, der mich, je mehr Kilometer ich gehe, immer stärker zu Boden zieht. Deren Last ich langsam nicht mehr tragen kann.

Anfangs war die Tritec-Lösung, die ich bereits in meinem Blog-Artikel beschrieben habe, goldwert! Sie lenkte mich von meinem kreisrunden Haarausfall ab und holte mich wieder zurück in ein normales „Haar-Leben“. Ich bin wirklich immer noch sehr dankbar, dass ich diese Möglichkeit entdecken und ausprobieren durfte.

Doch leider stellten sich meine Haare weiter gegen diese Normalität. Sie fielen und fielen und fielen immer weiter aus. Kersten musste während unserer Reise das Tritec-Haarteil mehrmals neu befestigen. Was an sich total normal und auch wirklich kein Problem ist! Er hat sich diese Technik der Befestigung super angeeignet. Danach fühlte ich mich wie nach einem Friseurbesuch und alles saß wieder top fest. Doch leider wird es immer schwieriger, wenn da einfach keine Haare mehr sind, die man an dem Haarteil befestigen kann. Es müssen welche da sein, die man durch die, an dem Haarteil befestigen Folien ziehen und oben zusammendrehen und festklammern kann.

Die unteren Seiten um den Kopf herum waren schon lange kahl, daran hatte ich mich bereits gewöhnt. Doch immer schneller wurde auch der vordere Bereich immer lichter, bis bald nur noch ein kleiner Flaum und dann gar nichts mehr übrig blieb. Vorne war also schon eine Woche kein Haar mehr zum befestigen da. Es musste also der spezielle Kleber her, den TritecHair-Gründer Siggi mir bereits vor der Reise mitgegeben hatte. Dieser hielt sogar, wenn ich surfen ging. Doch beim duschen oder wenn man einfach zu sehr auf den Haaren lag und daran zog, löste er sich des Öfteren ab. Es war also kein wirklich sicheres „Wohlfühl-Gefühl“ mehr da für mich. Und ich wollte mich einfach wieder eine Art Sicherheit empfinden und mich vor allem wohlfühlen!

Beim Haare waschen zog ich immer wieder Büschelweise Haare unter dem Haarteil hervor und mir war klar, dass auch da bald nichts mehr übrig bleiben würde. Es war also ohnehin nur noch eine Frage der Zeit. Und warum bis dann warten und mich nicht einfach selber von dieser Qual befreien? Mich von den gesellschaftlichen Normen, dass eine Frau lange, schöne, gepflegte Haare haben sollte, entziehen.

Während dieser Zeit vergoss ich einige Tränen. An manche Tagen konnte ich diese Ungerechtigkeit einfach nicht ertragen. Es ist einfach so unendlich gemein. Wieso verliere ich etwas, dass an einem Menschen so selbstverständlich ist? Reicht es nicht, dass ich bereits gegen die MS und den Hashimoto kämpfen muss? Manchmal war es mir einfach zu viel.

Die letzten Tage ging mir der Gedanken an eine Glatze also immer wieder durch de Kopf. Ich schaute mir Videos von glatzköpfigen Frauen an, die zeigten, wie man einen Turban bindet, um die Kopfhaut zu schützen und etwas Farbe auf den Kopf zu bringen. Ich lies mich von Instagram Beiträgen bestärken und schaute mir an, dass das Leben ohne Haare nicht vorbei ist! Dass es mir vielleicht wieder neue Kraft und Lebensmut geben würde, und vor allem: Dass meine Gedanke resettet werden.

Mein Inneres fühlte sich anders an, als es mein Erscheinungsbild nach außen vermuten würde

Dann war es also soweit. Nach einem wunderschönen Sonntag in Bilbao, an dem ich eigentlich überhaupt keinen Gedanken an mein Vorhaben hatte, kamen wir zurück in den Bus. Ich wollte etwas kochen und steckte meine Haare hoch. Doch das sah – wie ich fand – immer super albern aus. Als hätte ich einen ungewollten Irokesenschnitt. Mich störte, dass ich meine Haare nicht wie früher einfach zu einem Pferdeschwanz binden konnte. Außerdem konnte ich mich mit dem Haarteil auch einfach nicht mehr identifizieren. Diese extrem blonde Frau, die ich auf Bildern sah, war doch irgendwie nicht mehr ich. Ich wurde oft missbilligend von Frauen angesehen oder generell einfach nicht besonders freundlich von ihnen behandelt. Das fiel sogar schon meinem Freund auf. Keine Ahnung wieso genau, aber ich glaube, ich vermittelte zu sehr den „Püppchen-Look“. Ohne diesen hinabsetzen zu wollen! Mädels, ich feier euch. Aber das war einfach wirklich nicht ich. Innerlich fühlte ich wohl einfach was anderes, als ich nach außen ausstrahlte. In solchen Momenten dachte ich mir manchmal: „Hey, hört doch mal auf, was hab ich euch getan? Schaut mal hinter die Fassade. Wollt ihr ’nen Blick unter diese tollen, blonden Haare werfen? Da sieht’s ganz schön mau aus. Wieso können wir Frauen denn nicht einfach mal freundlich miteinander umgehen? Ohne Neid und diese Missgunst. Ich find’s ätzend.“

Schnipp, Schnapp -Entschluss getroffen

Ich schüttete Kersten also erneut mein Herz aus. Er schaute mich an und sagte: „Wenn du die Haare bereits so hoch hast, kann ich mir es richtig gut vorstellen. Außerdem bist du doch so viel mehr als deine Haare. Schneiden wir sie endlich ab. Du wirst trotzdem wunderschön aussehen.“ Und während ich diesen Moment hier schildere, steigen mir bereits wieder Tränen in die Augen.
Er ermutigte mich dazu, das Haarteil zuerst einmal komplett abzunehmen. Das hatte ich vor ihm noch nie. Ich wusste, dass ich aussehe wie Gollum höchstpersönlich und so möchte man ja nun wirklich nicht vor seinen Freund treten… Ich nahm es also ab, und mit ihm weitere Haarbüschel. Nun stand ich also vor ihm, mit meinen paar Härchen auf meinem Kopf und sagte zu ihm: „Hol den Rasierer, ich hab keine Lust mehr.“ Wir grinsten uns an und ich merkte bereits in diesem Moment, dass es die richtige Entscheidung ist.

Befreit

Ein paar Minuten später und ich war komplett befreit von allen Haaren auf meinem Kopf. Und ich glaube, dass war auch der Befreiungsschlag für meine Gedanken. Endlich war es geschehen und ich musste mir nicht all die Szenarien weiter ausmalen. Es ist nun Realität und ich werde in den nächsten Tagen und Wochen am eigenen Leib erleben, wie meine Umwelt darauf reagieren wird. Ich hatte so viel Angst vor diesem Moment und nun ist er gekommen.

Ich musste mir einen Abend später, in einem ruhigen Moment nochmal vor Augen halten, was ich da getan hatte. Strich mir über meinen kahlen Kopf und mir stiegen Tränen in die Augen. Diesmal waren es Freudentränen. Ich bin stolz auf mich, dass ich diesen Schritt gewagt habe und ich werde versuchen diesen neuen „Haarschnitt“ mit ganz viel Stolz zu tragen. Denn dahinter steckt nicht einfach nur eine Frisur. Dahinter stecken Stunden des Zweifels, des Selbstzweifels, tausende Tränen, viel zu viele traurige Gedanken, Wut, Angst und Schwäche. Die ich an jedem Tag bekämpfen muss.

Ich möchte versuchen, mich nicht von komischen Blicken oder eventuellen verletzenden Kommentaren – die sicher irgendwann kommen werden – runterziehen zu lassen. Stolz auf meinen Weg zu sein. Stolz auf die Frau, die ich durch meine Krankheiten geworden bin. Sie zwingen mich immer wieder zu neuen Herausforderungen, neuen Schritten, bei denen ich früher dachte, ich würde sie nie gehen müssen. Aber manchmal wird man eben ins kalte Wasser geworfen und muss sich entscheiden. Weglaufen bringt da auf lange Sicht nichts.
Aber so ist das Leben eben. Ein stetiges Auf und Ab. Und ich weiß, dass das nicht nur für kranke Menschen, sondern für alle gilt. Wir alle haben unsere Päckchen zu tragen. Wichtig ist doch nur, dass wir daran nicht zerbrechen, sondern wachsen. Aber das ist eben einfach jede Menge Arbeit.

Ich kann nicht sagen, dass das Abschneiden der verbleibenden Haare sicher für jeden das Richtige ist. Ich habe selber sehr lange gebraucht und ich habe wirklich alles ausprobiert. Aber irgendwann hat man genug. Irgendwann möchte man diesem Problem nicht mehr so viel Raum in seinem Leben geben. Ich denke, wenn einen die Gedanken darüber zu sehr auffressen und man merkt, dass es der Lebensqualität nicht gut tut, ist es sicherlich der richtige Schritt. Einfach um einen Strich zu ziehen. Um irgendwie wieder selber die „Kontrolle zu übernehmen“.

Ich hatte so viel Angst davor, dass ich mich so komplett ohne Haare nicht mehr weiblich und sexy fühlen werde. Dass da eben einfach irgendwas fehlen wird. Und es wird sicher auch etwas brauchen, bis ich mein eigenes Spiegelbild ansehen kann und mich einfach schön fühle. Und dann wird es auch Tage geben, wo ich es nicht tue. Weil es eben einfach so ist. An manchen Tagen hat man manchmal einfach mehr Liebe für sich selbst. Mehr Selbstwertgefühl, fühlt sich schön, aktiv und fit und an anderen Tagen eben nicht. Und das ist okay. Klar ist es in solchen Momenten natürlich das Beste, wenn da jemand ist, der einem immer wieder sagt wie schön man ist und dass Haare nicht alles sind! Das die wahre Schönheit von Innen kommt. Aber das muss man eben selbst auch spüren und fühlen. Und ich denke das braucht seine Zeit. Und die möchte ich mir geben, auch wenn es mir manchmal nicht leicht fällt.

Wie wird sich das Leben verändern?

Und natürlich bin ich immer noch extrem gespannt, was die kommenden Tage bringen werden. Wie ein Alltag mit Glatze aussehen wird. Vielleicht reagiert ja entgegen meiner Annahme gar keiner so extrem darauf. Weil es vielleicht einfach schon normal ist, dass auch Frauen eine Glatze tragen? Ich kann es überhaupt nicht einschätzen und bin so gespannt.
Wie viel schneller werde ich Frierkatze frieren? Das Surfen habe ich bereits ausprobiert und kann sagen, dass ich viel furchtloser in die Wellen gehen kann. Einfach, weil ich keine Angst mehr haben muss, dass mein Haarteil abreißt.
Wie es ist, sich einen Turban zu binden und damit herumzulaufen. Es eröffnet einem ja komplett neue Möglichkeiten. Ich kann mich nun bei allen Farben von Kopftüchern austoben und mit großen Ohrringen richtig Gas geben! Die nächste Party kommt bestimmt. Und auf dieser werde ich definitiv auf meinen neuen Look anstoßen und das Leben feiern. Denn das ist wohl definitiv zu kurz um Haaren hinterher zu trauern! Cheers.

Für das komplette Video schaut mal hier vorbei:

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