Die Analogie des Surfens mit dem Leben

Was man beim Surfen über’s Leben und sich selbst lernen kann

Wir sind nun schon einige Monate mit unserem Hugo unterwegs, haben unglaublich viele Orte und auch Surfspots gesehen. Wir befinden uns regelrecht in einer „Surf-Bubble“, denn all die Leute um uns herum reisen der Sonne und den Wellen genauso nach wie wir es tun. Nicht selten begegnet man Menschen nach mehreren Monaten und ein paar Ländern später wieder im Wasser und sitzt mit ihnen im Line-Up, um auf die perfekte Welle zu warten. Alles dreht sich um den Wind, den Swell und die besten Spots, die man anfahren kann. Wenn dich das Surfen gepackt hat, dann hat es dich und lässt dich auch so schnell nicht mehr los.

Nach all dieser Zeit entdecke ich immer wieder Parallelen zwischen dem Surfen und generellen Erfahrungen und Situationen im Leben. Ich möchte ein paar meiner Gedanken hier mit euch teilen.

Erst schauen, dann machen

Bei manchen Spots ist es so, dass man ins Wasser geht und den Vorteil eines „Channels“ nutzen kann. Dieser Sog trägt einen wie von Zauberhand nach draußen ins Line-Up. Das ist oft bei Riffen der Fall, bei denen das ans Ufer strömende Wasser an dieser Stelle wie ein Strudel zurück ins Meer zieht. Das klingt vielleicht etwas turbulent, ist es aber überhaupt nicht. Man hat somit viel weniger zu paddeln als normalerweise und kann seine Kräfte gleich zu Anfang einsparen. Doch kommt man an eben solch einen neuen Spot und kennt sich dort überhaupt nicht aus, wird einem auch der Channel nicht sofort ins Auge fallen. Dies geschieht erst, wenn man die Surfer beobachtet. Welchen Weg nehmen sie ins Wasser? Wer kommt am besten, ungefährlichsten und bestenfalls auch am schnellsten nach draußen? Dieses Beobachten kann man sich selbst zugute machen und aus den Erfahrungen der Anderen lernen. Und ist das nicht auch im Leben so oft der Fall? Wollen beispielsweise unsere Eltern uns nicht auch vor negativen Erfahrungen, die sie womöglich selbst schon gemacht haben bewahren? Sie möchten, dass wir aus ihren Erfahrungen lernen, bevor wir sie selber durchleben. Dass wir uns die guten Dinge abschauen und aneignen. Oft ist es also ratsam, vor seinem eigenen Handeln erst einmal zuzusehen oder -zuhören, sich seine Meinung daraus zu bilden und clevere Methoden o.ä. ebenso umzusetzen.

Geduld haben

Surfen übt einen definitiv in Geduld. Ich wurde wohl noch nie so sehr an meine Grenzen gebracht, wie bei diesem Sport. Es kommt sehr oft vor, dass man seehr lange warten muss, bis die richtige Welle kommt, die man dann mit Freude surfen kann. Oft sind sehr viele Menschen im Wasser, mit denen man eben die Wellen teilen muss. Bis man dann selbst an der Reihe ist, kann es dauern. Manchmal kommen die Wellen auch so, dass man nur für eine kurze Zeit auf der Welle surft, ehe sie dann „dicht macht“ und auf kompletter Breite bricht. Dann muss man natürlich aus der Welle springen und zurück paddeln. Am liebsten hätte man es also, wenn die Welle perfekt bricht, sodass man so lange wie möglich Spaß auf ihr hat. Ist man geübt im Wellen beobachten, kann man schon von Weitem sehen, welche Welle gut bricht und welche eben auf kompletter Breite. Man weiß dann, wann man lieber anpaddeln sollte und wann besser nicht.

Es benötigt an manchen Tagen also viel Ruhe und Geduld allein im Beobachten der Wellen, im Umgang mit den anderen Surfern und seinem eigenen Ego, wenn es mal nicht so klappt wie man es gerne hätte. Es gibt nicht umsonst den Spruch „Good waves come to those who wait“..

Auch das Leben lernt einen in vielen Situationen Geduld, ob man will oder nicht. So lehrte mich meine Mama bereits bei meinem ersten Herzschmerzen, dass man sich bei der Liebe in Geduld üben muss. Oft begegnet man zuerst den falschen Personen, ehe der oder die Richtige ins Leben tritt. Manchmal kann das sicher Jahre dauern, bei Anderen geht es vielleicht etwas schneller.

Manchmal wissen Menschen jahrelang nicht, was ihre Berufung ist, welcher Job ihnen wirklich Spaß machen würde – aber irgendwann im Leben kristallisiert es sich heraus, obwohl man vielleicht längst nicht mehr damit gerechnet hat.

Manchmal sind wir krank und würden so gerne schnell wieder gesund werden, aber unser Körper braucht Zeit. Zeit für die Genesung. Und die sollten wir ihm geben. Versuchen wir schon früher wieder so zu agieren, wie wir es als gesunder Mensch gewohnt sind, kann das den Körper wieder zurückwerfen und man bleibt noch länger krank als ursprünglich. Geduld begleitet uns in so vielen Aspekten des Lebens.

Die Umstände bestimmen einiges

Für einen guten Surf spielen so viele Dinge eine Rolle:
Der Wind, der bei „Offshore“ (der Wind kommt vom Land) bestimmt, dass die Wellen sich wunderschön auftürmen können und toll brechen. Oder aber „Onshore“ (der Wind kommt vom Meer), der die Wellen dann regelrecht zerdrückt und eine gute Session fast unmöglich macht.
Der Swell, der an manchen Tagen super klein, manchmal entspannt und optimal oder aber auch riesig groß sein kann. Man kann hier einfach nichts gegen tun. Man muss mit dem klarkommen oder sich eben damit arrangieren, was ist. Manchmal können die Bedingungen toll sein, manchmal sind sie aber alles andere als leicht. Es ist die Natur, die bestimmt was man bekommt. Und so können wir bei unserer Geburt auch keinen Einfluss darauf geben, in welchem Land, in welcher Gegend, in welche Familie wir geboren werden. Wir müssen unser Leben meistern, egal welche Vorraussetzungen uns gegeben sind.
Die Tide (Gezeiten) ist ebenfalls ein großer Faktor. Low-, Mid- oder Hightide sagt an, ob gerade Ebbe ist, ob die Flut kommt oder geht oder ob maximale Flut ist. Manche Surfspots laufen besser bei Lowtide, andere bei Hightide und wieder andere beispielsweise bei Midtide (das „Mittelding“ zwischen den beiden extremen Gezeiten). Bevor man einen Spot surfen möchte, muss man sich vorher informieren, welche Bedingungen hier gelten und wann der beste Surf stattfinden kann. Außerdem ist es immer total unterschiedlich wie die Leute im Wasser drauf sind, manche Spots sind übersäht mit den Locals, also den dort ansäßigen Surfern, die einen spüren lassen, dass man im Wasser nicht erwünscht ist und das man sich besser einen anderen Surfspot suchen sollte. Klar, dass man sich da überhaupt nicht wohlfühlt. Besonders ich kann so etwas schwer ignorieren und lasse mich davon schnell aus der Ruhe bringen. Auch ein weiterer Punkt den man aufs Leben projizieren kann: Nicht in jedermanns Gesellschaft fühlt man sich aufgenommen, gut und man selbst. Im Leben wird man, egal ob man will oder nicht, Menschen begegnen, die einen nicht gut behandeln oder falsch zu einem sind, einem einfach nichts Gutes wollen. Häufig spürt man von Beginn an, ob die „zwischenmenschlichen Vibes“ gegeben sind, oder ob man einfach nicht auf der gleichen Wellenlänge ist. Manchmal kann es aber auch dauern, bis man herausgefunden hat, das gewisse Personen einem nicht gut tun und man besser Abstand halten sollte. Aber auch daraus kann man dann seine Lehren ziehen. Auf der Anderen Seite wird es natürlich auch Leute geben, bei denen es auf Anhieb einfach passt! Wo die Chemie stimmt und man sich prima ergänzt und das gegenseitige Leben bereichert.
Zusätzlich spielt bei mir ganz besonders auch die körperliche Verfassung eine Rolle, die an manchen Tagen einfach besser ist als an anderen. Manchmal habe ich das Gefühl, der Trubel im Wasser und die ganze Kraft, die ich beim Surfen aufwenden muss, ist mir einfach zu viel. Dann sollte ich auf meine innere Stimme hören und mir Ruhe gönnen. Aber an anderen Tagen bin ich so voll von Energie und Kraft, dass ich es kaum abwarten kann die erste Welle zu bekommen und daraus noch mehr Energie zu ziehen.

Aus Niederschlägen wachsen

Wie oft war ich schon so frustriert und traurig, dass die Surf-Session einfach nicht so lief, wie ich es mir erhofft hatte. Wie oft bin ich voller Elan und mit zu hohen Erwartungen an mich selbst ins Wasser gesprungen, um dann nur enttäuscht zu werden. Besonders wenn die oben aufgeführten Umstände einfach nicht die Besten waren. Enorm viel habe ich aus meinem Mexiko-Wellen-Trauma gelernt und bin stärker aus diesem hervorgegangen. Nach diesem Vorfall wusste ich, dass es sehr schwer werden würde, diese Erfahrung hinter mir zu lassen und daran zu wachsen. Und vorallem, dass ich keine Angst und Panik mehr bekommen würde. Es hat wirklich Monate gedauert, bis ich heute sagen kann, dass ich es wirklich überwunden habe. Am Anfang unserer Reise überkamen mich noch oft kleine bis größere Panikattacken und Angstzustände, die mich spüren ließen, wie tief dieses Trauma in mir saß. Aber genauso habe ich während der vergangenen Monate gelernt, wie man an solch einer negativen Erfahrung wachsen kann. Dass sie einen nur noch stärker macht, einem bewusst werden lässt was man selbst erreichen kann, wenn man nur will. Mein Wille, diesen Sport weiter auszuführen und darin besser zu werden, wurde stärker als die Angst. Dass eine mentale Stärke einen weiterbringen kann als man sich je erträumen könnte. Und ich glaube genau das ist ein großer Aspekt, den man sich im Leben klarmachen sollte. Alles kann wahr werden, wenn man es wirklich will. Wenn man Energie hineinsteckt und sich nicht unterkriegen lässt. Egal was kommt, egal wer einem eine Idee aus dem Kopf schlagen will oder einem Zweifel überkommen. Solange man an sich selbst glaubt und die Dinge angeht, können sie wahr werden. Paddel ich eine Welle nur halbherzig an und habe Gedanken wie „die werde ich sowieso nicht bekommen“, tritt genau das ein. Gehe ich aber mit Selbstbewusstsein an die Sache heran und bin mir meiner Fähigkeiten und Stärken bewusst, paddel ich mit genau diesem Mindset an und sage mir „das wird meine Welle“, wird es auch meine Welle!

Aus seiner Komfortzone treten und Neues wagen

Ein weiterer Punkt der mit dem oben genannten „besiegten Trauma“ einher geht. Niemals hätte ich gedacht, dass ich jemals freiwillig in 3 Meter Wellen gehen würde, aber dies ist vor ein paar Tagen wirklich eingetreten. Ich habe meine Komfortzone verlassen und bin über meinen Schatten gesprungen. Natürlich habe ich auch einen deutlichen Fortschritt seit der Zeit in Mexiko gemacht, ich weiß die Wellen nun besser zu händeln, aber dennoch war es eine Herausforderung für mich. Man ist schließlich auf sich alleine gestellt, man muss mit den Bedingungen da draußen im Wasser klarkommen. Und diese sind oft alles andere als leicht. Es kann einem niemand helfen und man sollte wissen, was man da tut – bevor man sich und eventuell auch andere Menschen in Gefahr bringt. In manchen Momenten kann es schon mal sein, dass einem die Luft ausgeht und man sich im Stillen erhofft, schnell an die Oberfläche zu kommen. In solchen Momenten ist es wichtig die Kontrolle über seinen Körper zu haben und nicht in Panik zu geraten. Sich zu entspannen und Vertrauen zu haben, gleich wieder Luft zu bekommen. Sollte man in solchen Momenten verkrampfen oder sich wehren, verbraucht der Körper nur noch mehr Energie und das wiederum ist sehr kontraproduktiv, wenn es gerade schlecht darum steht Luft zu bekommen. Ähnliche Momente kenne ich persönlich, wenn es beispielsweise darum geht vor vielen Menschen zu sprechen. Mein Körper verkrampft sich, mein Herz rast, meine Stimme wird zittrig. Doch hat man in diesen Momenten Vertrauen, entspannt sich, ist sich seiner Sache sicher und vertraut in das was kommt, zeigt der Körper eine ganz andere Reaktion. Wo wir wieder beim Thema Willens- und Gedankenstärke wären. Wenn man eines beim Surfen trainieren kann, dann das.

„Immer wieder Anlauf nehmen,
mit vollem Herzen los renn‘,
Immer etwas höher springen,
bis es klappt!“

Anlauf nehmen – Elif

Auf jeden persönlichen Erfolg stolz sein, sich selbst keinen zu großen Erfolgsdruck machen und den Ehrgeiz auf einem gesunden Level halten

Man selbst ist wohl sein eigenere größter Kritiker, ich denke da spreche ich für die meisten von uns. Kleine Erfolge werden oft zunichte gemacht und nicht gebührend gefeiert. Oft werden Dinge, nach denen man sich lange gesehnt hat oder auf die man lange hin gearbeitet hat, nur kurz wertgeschätzt sobald sie eintreten. Sind sie dann tatsächlich Realität erscheinen sie uns irgendwie mickrig oder klein und wir wollen immer mehr. Immer, immer mehr. Anstatt inne zu halten und mal zufrieden mit sich und dem Geleisteten zu sein. Unser Ehrgeiz ist natürlich auch eine Art Motor, der uns antreibt und dank diesem erreichen wir Erfolge und kommen eben immer weiter. Aber manchmal wollen wir zuviel und machen uns damit selbst unglücklich.

Mein Surf-Vergleich hierzu ist das Erlernen des „Duckdives“ – der besten Art um durch die Wellen zu tauchen, ohne zurück geschleudert zu werden.

Darstellung eines Duckdive
Quelle: surfinghandbook.com

Da mein Surfboard ein Volumen von 40 Litern besitzt, ist es wirklich nicht besonders leicht dieses Board unter Wasser zu bekommen. Gerade für mich als Frau braucht es besonders viel Übung, dieses Gerät mit der Nase voran, zum richtigen Zeitpunkt unter Wasser zu drücken, anschließend mit dem rechten Fuß einen starken Tritt auf das hintere Pad zu geben, um wie in einem umgekehrten Dreieck unter der Welle hindurch zu gleiten. Es hat mich wirklich unglaublich lange Zeit gekostet, bis ich mich überhaupt getraut habe mit dem Kopf voran durch die Welle gehen zu können. Hier belastete mich meine negative Erfahrung einfach noch zu sehr. Außerdem schien es mir schier unmöglich dieses im vergleichsweise schwere Shortboard unter Wasser zu drücken – Im Verhältnis zu meinem Körpergewicht werden leichtere Boards zum Duckdiven empfholen, mit denen man wiederum schwerer in die Welle hineinkommt.

Es „ploppte“ mir also immer wieder aus der Hand und ich baute eine Blockade auf. Da ich niemanden verletzen wollte, probierte ich es eine Zeit lang kaum noch.. Aber mir war bewusst, dass ich so nicht weiterkommen würde. Dass es mir nicht gelingen würde, ohne großen Energieaufwand durch die Wellen zu kommen, wenn ich nicht endlich diese Praxis beherrschte. Also setzte ich es mir als Ziel, noch auf dieser Reise den Duckdive zu lernen. Ich schaute mir Videos an und probierte diese dann in die Realität umzusetzen. Irgendwann löste sich der Knoten und ich bekam es das erste Mal einwandfrei hin. Meine Freude in diesem Moment war nicht in Worte zu fassen – ich strahlte wie ein kleines Kind. Endlich hatte ich es geschafft. Es öffnete sich regelrecht eine Tür zu einer neuen Surfwelt, in der ich in der Lage war, Wellen viel besser zu händeln. Die Tage darauf traute ich mich in immer größere Wellen.

Wenn ich mir nicht immer wieder selber sagen würde, dass ich so stolz auf mich sein kann, den Duckdive endlich zu beherrschen würde diese Errungenschaft, die ich mir selbst zu verdanken habe, immer weiter in den Hintergrund rücken. Es wird eben einfach zur Normalität und man vergisst, wie hart man dafür gekämpft hat. Der Wunsch nach neuen Dingen wird demnach immer größer, wie zum Beispiel einen besseren Takeoff oder tollere Turns. Und das ist natürlich auch vollkommen in Ordnung! Denn der Ehrgeiz in einer Sportart gehört natürlich dazu und ist die Würze in allem, doch man sollte diesen auf einem gesunden Level halten – immer wieder inne halten und reflektieren wie weit man schon gekommen ist. Egal ob beim Sport, im Job, beim Erlernen eines Instrumentes, einer Sprache oder was auch immer das Leben so bereit hält. Setzt man sich selbst immer zu sehr unter Erfolgs- und Leistungsdruck leidet man selber am meisten darunter und man nimmt sich die Chance glücklich zu sein.

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