Der Beginn unserer Reise – Paris

Planung und Abschied nehmen

Endlich ist es soweit. Die letzten Wochen waren wirklich nervenaufreibend und anstrengend. Sowohl körperlich als auch mental. Die ganze Planung, Organisation und die emotionalen Berg- und Talfahrten vor solch einer großen Reise sollten wirklich nicht unterschätzt werden. Zuerst musste Hugos Umbau noch finalisiert werden und die letzten Feinschliffe waren nötig, ehe wir unser Leben für die nächsten Monate darin verbringen können. Außerdem schwirren einem so viele Gedanken im Kopf umher. Was wird im Ausland eher schwer zu bekommen sein? Wie voll muss die Reiseapotheke gepackt werden? Welche Kleidung für warme und kalte Tage und jegliche sportliche Aktivitäten wie Surfen, Yoga oder Wandern? Hat man wirklich an alles gedacht? Komischerweise habe ich am wenigsten Angst davor, einen neuen Schub oder eine Verschlechterung meiner MS zu spüren. Irgendwie glaube ich fest daran, dass die Reise meinen Krankheiten nur gut tun wird. Und das mein Körper so eine Auszeit braucht um zu heilen. Und wer weiß, vielleicht sprießen am Ende ja zur Belohnung, dass ich mich mehr um mich selbst kümmere und Acht auf mich gebe, wieder neue Haare.

Nachdem ich mir wirklich genug das Hirn malträtiert hatte, für mich beschloss, es gut sein zu lassen und endlich alles im Hugo verstaut war, fühlte ich mich ein wenig befreiter. Es konnte also losgehen. Naja, fast. Da war noch was. Etwas, vor dem ich die ganze Zeit vorher bereits sehr viel Respekt hatte. Von Familie, Freunden und Heimat Abschied nehmen.

Glücklicherweise beschlossen wir, zu meinem Geburtstag – kurz vor unserer Abreise – noch einmal zu einer Abschiedsparty einzuladen. Was, parallel zur Planung der Reise, sehr anstrengend für mich war, sich aber mehr als gelohnt hat. Alle nochmal zu sehen und mit all den lieben Menschen an einem Sommerabend bis in die Nacht hinein zu feiern. So hatte ich es mir gewünscht und vorgestellt.

Wir machten anschließend noch ein paar Abschiedsbesuche bei der Verwandtschaft. Man kann sich sicher vorstellen, wie kräftezehrend es war, jedes Mal das Gefühl des Abschieds zu spüren.

Und als es dann dazu kam, zuerst meinen Bruder und ein paar Tage später meine Eltern das vorerst letzte Mal in den Arm zu nehmen und sie nah bei mir zu spüren, fuhren meine Gefühle eine Super-Loop-Achterbahn.

Auf und Ab der Gefühle

Jeder hatte sicherlich schon einmal das Gefühl von Liebeskummer. Wenn man das Herz einfach extrem stark spürt. Und das leider nicht im positiven Sinne. Es sich anfühlt, als würde es einem herausgerissen oder jemand stochert darin herum. Tag ein Tag aus arbeitet es für uns, schlägt stetig im Takt und man nimmt es in seinem Alltag kaum war. Doch in Momenten des Abschieds spüre ich es fast so wie in Zeiten des Liebeskummers. Zudem kamen noch zeitweise das Kribbeln und das leichte Taubheitsgefühl in den Füßen und ab und an auch in den Händen dazu. Wenn zu viel Emotionen und Aufregung in meinem Körper stattfindet, gefällt das meiner MS überhaupt nicht und sie muss sich dann mal wieder kenntlich machen. Dass ich auch ja nicht vergesse, das sie noch existiert.
Doch zum Glück weiß ich, dass ich über diesen Abschiedsschmerz eigentlich nicht traurig sein sollte. Dass ich ihn nur spüre, weil ich ganz stark liebe – und geliebt werde. Das die Menschen, von denen ich mich für eine gewisse Zeit verabschieden musste, eine große Rolle in meinem Leben spielen und ich froh bin sie zu haben. Und ist das nicht eigentlich ein Grund zur Freude? Das jedenfalls sagte ich auch zu meine Eltern. Wie schön ist es bitte, dass wir uns so lieb haben? Das ist ganz bestimmt nicht selbstverständlich und wir sollten froh darüber sein. Außerdem sind wir durch WhatsApp und Co. immer verbunden.

Anfangs fiel es mir schwer, meine Gefühle zu sortieren. Es war irgendwie einfach ein bisschen zu viel gewesen. Das spürte ich auch gelegentlich an meinen MS-Symptomen.
Gleichzeitig machte ich mir den Vorwurf, warum ich nicht einfach nur glücklich darüber sein konnte, dass ich solch eine Reise antreten kann? Das es mir einfach möglich ist. Wie viele sehnen sich nach solch einem Abenteuer. Das ich in den letzten Monaten alles darauf ausgerichtet habe, diesen Schritt zu gehen. Die Angst davor, in meinem Job nach einem Sabbatical zu fragen, die Unsicherheit der Reaktionen. Die Realität fühlte sich in dem Moment wohl einfach zu unwirklich an.

Die Freude auf die Reise, die wir so lange geplant und auf die wir Monate hin gearbeitet haben sollte doch eigentlich überwiegen! Aber irgendwie mischte sich der Kopfmensch – der in mir leider immer noch zu viel Platz einnimmt – ein. Neben der Freude waren da eben auch noch die Aufregung auf alles was kommen mag. Welche Abenteuer wir wohl erleben werden. Die Ungewissheit, was einen alles erwarten wird. Welchen Menschen wir begegnen. Wird Hugo die lange Reise durchhalten oder klappt alles? Haben wir uns eventuell zu viel zugemutet oder schweißt es uns nur noch mehr zusammen? Bestätigt sich weiterhin, dass wir ein super Team sind? Ich habe daran keine Zweifel aber in solch einer Situation war ich noch nie. All diese Gedanken schwirrten in meinem Kopf umher und verstärkten den Schwindel, der mich ab und an überkam nur noch weiter.

Zudem das traurige Gefühl, dass nach dem „Tschüss sagen“ noch ein wenig mein Gast blieb. So verdrückte ich während der Fahrt einige Tränen. Immer wieder überkam es mich. Manchmal wusste ich selbst nicht, ob der Auslöser nun Trauer oder Freude war. Ich wusste nur, dass der innerliche Druck auf dem Tränen-Ventil einfach zu groß war und es musste eben einfach fließen.

Paris

Puh, was war ich froh, als dieser emotionale Freizeitpark-Besuch endlich ein Ende hatte. Je mehr Kilometer wir auf der französischen Autobahn hinter uns legten, linderte sich auch das schwere Gefühl in mir. Wir erreichten am späten Abend Paris. Unser erster Halt auf dem Weg zur französischen Atlantik-Küste.

Der Campingplatz „Camping de Paris“, den wir aus Angst vor einem Diebstahl anheuerten, war an diesem Abend leider komplett ausgebucht. Wir verbrachten die Nacht also ein paar Straßen weiter auf einem großen Parkplatz, den wir über die App Park4night ausfindig gemacht hatten und auf dem noch weitere Wohnmobile, Autos und LKWs standen. Am nächsten Morgen probierten wir es erneut beim Campingplatz und diesmal mit Erfolg. Die Sicherheit, die wir dadurch erlangten, hatte einen für Campingplätze relativ stolzen Preis: Wir zahlten pro Nacht 37 Euro. Unser Stellplatz war direkt an der Seine gelegen und wir hatten es generell nicht weit mit dem Roller in das Zentrum der Stadt. Andere Besucher nutzten den Bus.

Unser erster Stellplatz auf dem Campingplatz „Camping de Paris“ direkt an der Seine

Die Stadt begrüßte uns an diesem Tag mit einem bewölkten Himmel, so als würde der Himmel meine Emotionen der letzten Tage noch in sich tragen. Ab und an regnete es und es war schon richtig herbstlich. Die Blätter der Bäume trugen bereits ein dunkles rotes Kleid und viele von ihnen trug der Wind nach und nach hinab und so tänzelten sie nun auf den Straßen der Stadt umher.

Les Bouquinistes – Die Seine-Freiluft-Buchhändler

Die kleinen grünen „Pop-Up Stände“- die sogenannten Bouquinisten von Paris – an der Straßenseite entlang der Seine begeisterten mich. Dort wurden alte Bücher, Comics, historische Zeitungen, Kunstdruck und viele weitere künstlerische Kostbarkeiten verkauft. Und das bereits seit etwa 1816. Gegen Abend werden diese Stände dann einfach zusammengeklappt und man kann kaum erkennen, dass dort den ganzen Tag ein Handel stattgefunden hat. Sie sehen dann nur noch aus wie mittelgroße dunkelgrüne Kästen entlang des Fußgängerweges der Quaimauern.

Einer der Buchhändlerstände

Diese Freiluft-Buchhändler geben Paris, neben seiner ganzen weiteren Sehenswürdigkeiten, einen ganz besonderen Charme. Sie gehören sogar, gemeinsam mit dem Seine-Ufer selbst, zum UNESCO Weltkulturerbe.
Ich hätte so gerne ganz viel in diesen kleinen wunderbaren Lädchen eingekauft, doch leider ist der Platz im Hugo sehr begrenzt und wir stehen gerade erst am Anfang unserer Reise. Aber für eine kleine antike Postkarte sollte der Platz reichen!

Auf dem Roller durch Paris

Der irre Kreisverkehr des Arc de Triomphe

Wir waren so froh, dass wir kurz vor unserer Abreise noch einen Roller kaufen konnten und mit diesem nun die Großstadt erkunden konnten. Und ich war froh, dass ich selber nicht fahren musste. Mir war bekannt, dass der Verkehr in Frankreich anders läuft, aber dass es SO verrückt zugeht, hätte ich nicht gedacht. Und das erfuhren wir am eigenen Leib. In den Kreisel um den Arc de Triomphe fährt man einfach hinein – soweit nichts Neues. Doch generell besitzen die Kreisel in Paris keine Straßenmarkierung, die kennzeichnen, welche Bahn wo endet. Es gibt einfach keine Spuren. Der Kreisel besitzt einen Durchmesser von 240 Metern und 12 Straßen treffen in Frankreichs größtem Kreisverkehr zusammen. Dementsprechend chaotisch geht es dort zu. Jeder fährt einfach irgendwie und blinken ist hier Fehlanzeige. Ich dachte in jeder Sekunde Gleich passiert hier was. Aber es geschah nichts. Und sogar das Hupen hielt sich enorm in Grenzen. Irgendwie lief es einfach. Und es kam uns so vor, als würde man nur verlieren, wenn man nach hinten schaut. Also lautete die Devise. Nach vorne schauen und bloß keine Panik kriegen.


Nach zweimaligen umkreisen des Triumphbogens war es mir dann aber doch genug und ich bat Kersten, den Kreisverkehr zu verlassen, was uns dann doch noch in kurze Panik versetzte. Ein Mercedes raste aus der einen Straße in den Kreisverkehr hinein und es schien, als würde er uns überhaupt nicht sehen. Sein Blick war keineswegs auf uns gerichtet, was uns fast noch den hinteren Teil unseres Rollers kostete. Aber eben nur fast. Nochmal Glück gehabt!

Der Duft nach teurem Parfum auf der Champs Élysée

Glücklich, dass wir den irren Kreisel lebend überstanden hatten, ging es weiter auf unserer Touri-Tour. Wir verließen den Kreisel entlang der Champs Élysée. Dort, wo die „Reichen und Schönen“ bummeln gehen und ihre Portemonnaies erleichtern. Der Duft von teurem Parfum lag in der Luft und es war spannend die dort flannierenden Menschen zu beobachten. Vor einem der vielen Louis Vuitton Läden war eine erstaunlich lange Schlange anzutreffen. Menschen standen unglaublich lang vor dem Laden im prasselnden Regen. Manche mit, manche ohne Regenschirm. Und ich fragte mich in dem Moment wirklich, warum man sich so etwas antut. In dieser Schlange stehen, um in einen Laden zu kommen, in dem man sich wahrscheinlich ohnehin nichts leisten kann und dann am Ende traurig hinausgeht? Naja, vielleicht liegt es einfach daran, dass ich für solche Marken und besonders überteuerte Taschen einfach nichts übrig habe. Aber das ist wohl einfach Ansichtssache.

Das Künstlerviertel Montmartre

An diesem Tag konnten wir, dank unseres flexiblen Rollers, den Verkehr von Paris umgehen indem wir uns durch diesen hindurchschlängelten und so einige Sehenswürdigkeiten bestaunen. Entlang am beeindruckenden Eifelturm, ein weiterer regnerischer Halt am Louvre, hinauf auf den höchstgelegenen Hügel der Stadt, auf der die weiße Basilika Sacré Cœur erbaut wurde. Von dieser aus hat man einen grandiosen Blick auf die gesamte Stadt. Rechts gelegen der Eifelturm, den man nun wirklich nicht übersehen kann. Weiter links fällt der Blick auf die Notre Dame, welche aktuell restauriert wird und der Zugang nicht gestattet ist.

Basilika Sacré Cœur


Schlendert man hinter die Basilika und biegt dann links ab, kommt man in das Herz des Künstlerviertels „Montmartre„. Eine kleine Gasse führt verwinkelt zum Place du Tertre, wo sich etliche Maler, Karikaturisten und Porträtisten ihre Staffeleien aufstellen und ihre Kunst den Besuchern anbieten. An diesem Ort befindet sich so viel Begabung und Talent. Es ist wirklich beeindruckend, was die Künstler für Werke auf ihr leeres Blatt zaubern. Dieser Platz ist der begehrteste unter den Künstlern in Paris und die Befugnis, sich dort auszubreiten bedarf einer kostenpflichtigen Erlaubnis, die jährlich bei der Stadt erneuert werden muss. Aktuell arbeiten dort 300 Maler und die momentane Warteliste ist sehr lang.

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